Was macht Tantra so aufregend?
Tantra betrachtet die sexuelle Liebe als eine sakrale Handlung. Unsere Sexualität wird nicht als biologische Notwendigkeit oder hormoneller Trieb des „Es“, wie es Freud nennt, verstanden oder gar als Versuchung des Teufels, um uns in die Irre zu führen. Sexualität wird vielmehr als eine Gottesgabe angesehen, durch die wir unsere göttliche oder spirituelle Natur unmittelbar erfahren können. Tatsächlich ist Sexualität eine der direktesten Möglichkeiten, Gott zu erfahren. Deshalb ist sie auch Teil mystisch religiöser Traditionen, die sich im Christentum in Figuren wie dem hl. Franziskus, Maria Magdalena und der hl. Theresa verkörpern. Diese Heiligen sind keine Symbole des Leidens nach dem Prinzip, das ist gut für deine Seele im Himmel, sondern ekstatische Vorbilder heiliger Verzückung. In der Tradition der Sufis, im Hohenlied Salomos oder in der Geschichte von Krishna und den Gopis finden sich Parallelen auch in anderen Religionen.
Die direkte Erfahrung Gottes ohne die Hilfe der Kirche ist natürlich vielen religiösen Würdenträgern ein Dorn im Auge, deren Macht gerade auf der Vermittlerrolle zwischen Mensch und Gott basiert. Deshalb wurde Sexualität mit Moral und Waffengewalt, mit Schuld und Scham unterdrückt, um die Menschen unter der Kontrolle und Macht der Priester zu halten.
So wie das 20. Jahrhundert das Zeitalter der Emanzipation und Verehrung der Frau und des Weiblichen war, betrachtet Tantra das 21. Jahrhundert als das Zeitalter der Emanzipation und der Wiedererweckung unserer Sexualität, in dem Sexualität wieder verehrt und nicht mehr ausgebeutet wird.
Für Tantra ist Sexualität ein wichtiger Weg zu Transzendenz also der Erfahrung, über die eigenen Grenzen hinaus zu gehen und sich selbst als Teil von etwas Größerem zu sehen. Die Erfahrung von Ekstase, dem Sein außerhalb der Grenzen unseres Selbst und der Illusion des Getrenntseins, der universellen Verschmelzung und des Einsseins – können wir im normalen Leben erleben im Moment der sexuellen Vereinigung und des Orgasmus.
Die Vereinigung nur ist eine von vielen Tattvas, Pforten zwischen uns und dem Leben um uns, zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, zwischen Erfahrendem und Erfahrung, durch die die Dualität, die Trennung transzendiert wird im Moment des Einsseins. Es gibt viele Arten von Meditation, Riten, Fasten, rituelles Leiden wie beispielsweise Geißelung oder Sakramente mit bewusstseinserweiternden Drogen wie Peyote und Iawasca, die genau diesen Moment suchen.
Tantra hingegen nutzt die Sexualenergie und die Kraft der Liebe, die für Tantriker gleichwichtige Bestandteile des täglichen Lebens sind. Unsere sexuelle Beziehung und der Tanz zwischen Liebe und Sex werden zum spirituellen Weg. Tantra empfiehlt uns, diese beiden Energien, Liebe und Sex, die die Kraft haben, unser Leben vollständig auf den Kopf zu stellen, bewusst zu erforschen. Anstatt die Kräfte von Liebe und Sex zu negieren und zu unterdrücken, öffnen wir uns ihnen, fliegen auf ihnen, nutzen ihre Energie für die Entwicklung unserer Persönlichkeit, die Befreiung von Leid und Verblendung und für unser Wachstum auf dem spirituellen Weg der Erfahrung unseres wahren Selbst.
Liebe kann Berge versetzten, Sex erschafft neues Leben und ist die Quelle unseres Seins. Gibt es eine stärkere Kraft, um uns unserer wirklichen Bestimmung zuzuführen und unseren heiligen Traum zu erfüllen?
Lust kann das Vehikel auf dem Weg zur Wahrheit und zu Gott sein. Wenn wir dem Weg der Lust und des Glücks bewusst, verantwortungsbewusst und achtsam folgen, werden wir erkennen, dass gerade Lust dem Leben Sinn gibt. Wir werden lernen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, nicht aus moralischen Zwängen, sondern weil wir uns frei für mehr Glück entscheiden. Lust und Freude werden zu Führern auf dem Weg zur Wahrheit. Sat-Chit-Ananda – Wahrheit, Bewusstsein, Glückseeligkeit.
